In einem bewegenden Gespräch hat mir Katrin Hansch, Gründerin von Different Planet, Autorin des Buches „Wenn wir alle zusammen lachenMutmacher für Familien im Autismus-Spektrum und Beraterin für neurodivergente Familien erzählt, wie sich Autismus und Elternsein miteinander verbinden – und welche Chancen und Herausforderungen daraus entstehen.

Elternschaft ist ein Abenteuer. Nichts läuft so, wie man es geplant hat – und genau das macht das Leben mit Kindern so bunt, aber auch so fordernd. Für autistische Mütter und Väter ist diese Unberechenbarkeit jedoch nicht nur eine kleine Stolperfalle, sondern ein täglicher Balanceakt.

Flexibilität als Endgegner

Kinder bringen Freude, Liebe und Chaos. Doch für autistische Eltern ist vor allem eines schwer auszuhalten: die fehlende Planbarkeit. Ein Tag mit Kindern läuft selten so, wie man es sich vorgenommen hat. Pläne zerplatzen wie Seifenblasen, Flexibilität ist gefragt. „Diese Unberechenbarkeit ist für autistische Eltern eine enorme Herausforderung, weil flexibel sein nicht unbedingt unsere größte Stärke ist. Als Mutter musste ich plötzlich eine Flexibilität entwickeln, die mir nicht entspricht – und gleichzeitig liebevoll für mein Kind da sein. Das war für mich die härteste Umstellung am Mutterwerden“, erklärt Katrin.

Was ist Autismus?

    Klassische Diagnosekriterien sind auffällige soziale Interaktion und Kommunikation, dazu repetitive Verhaltensweisen oder Spezialinteressen. Vor allem bei Kindern, die sich unterschiedlich und besonders in jungen Jahren sprunghaft entwickeln, ist die Abgrenzung schwierig. Ist mein Kind einfach schüchtern – oder ist die soziale Interaktion tatsächlich beeinträchtigt?

     

    Man sollte genau beobachten:

     

    • Hat mein Kind ein starkes Spezialinteresse (z. B. Dinosaurier), das in Bezug auf die Intensität weit über das hinausgeht, was andere Kinder in dem Alter haben? Bei Mädchen sind es oft „gesellschaftlich passende“ Themengebiete wie Pferde, Tanzen oder Psychologie
    • Gibt es auffällige Ticks oder Bewegungen, die nicht verschwinden?
    • Hat mein Kind sensorische Eigenheiten – streicht zum Beispiel ständig über glatte Oberflächen, braucht immer etwas in der Hand?

    Als Eltern hat man oft ein gutes Gespür. Wenn man denkt: „Irgendwas ist anders“, dann lohnt es sich, genauer hinzusehen.

    Autismus erkennen – auch bei sich selbst

    Viele Frauen erfahren erst spät, dass sie autistisch sind. Auch Katrin erhielt ihre Diagnose als Erwachsene.  In vielen Fällen tritt das Thema erst dann zu Tage, wenn das eigene Kind eine Diagnose hat und die restlichen Familienmitglieder getestet werden.

    Ein Grund dafür: Die Kenntnis über Autismus ist immernoch sehr gering und die gängigen Diagnosekriterien sind stark auf männliche Muster ausgerichtet. Während Jungs häufiger und schneller als „Nerds“ auffallen, wirken Mädchen und Frauen oft einfach nur schüchtern oder unauffällig. Ihre Strategien, sich anzupassen – etwa durch das Kopieren von Verhaltensweisen anderer – verschleiern die eigentliche Ursache.

    Weiblicher Autismus

    So wird weiblicher Autismus häufig übersehen. Stattdessen werden Depressionen, Essstörungen, Angst- oder Zwangsstörungen diagnostiziert – Begleiterscheinungen, die das eigentliche Thema überdecken. „Viele autistische Frauen haben einen schlechten Zugang zu ihrem Körper. Sie können Beschweren schwer schildern, werden beim Arzt oft nicht ernst genommen oder der Zusammenhang wird einfach nicht erkannt“, weiß Katrin.

    Nicht selten erleben Frauen, bei denen der Autismus nicht erkannt oder behandelt wird, in den Vierzigern einen sogenanntes „autistisches Burnout“. Die Jahre der Anpassung, kombiniert mit familiären und beruflichen Anforderungen, führen zu einem kompletten Zusammenbruch der Kräfte. Gerade in der Phase der Mutterschaft, in der ohnehin viel gefordert wird, treten diese Belastungen besonders deutlich zutage.

    Autismus ist familiär – und vielfältig

    Autismus kommt „immer irgendwoher“. Katrin weiß: „Er ist genetisch und neurobiologisch verankert, auch wenn die Forschung die genauen Gene noch nicht benennen kann. In Familien zeigt sich oft ein Muster: Ein Onkel mit Depressionen, eine Tante mit Essstörung, ein Kind, das im Kindergarten kein Wort spricht.“

    Wichtig ist zu verstehen: Autismus tritt heute nicht häufiger auf als früher. Der Unterschied liegt darin, dass es damals weniger Diagnosen, weniger Forschung und weniger Aufmerksamkeit für das Thema gab. Gleichzeitig macht die moderne Welt es neurodivergenten Menschen heute viel schwerer, sich zurechtzufinden. „Früher war ich nach der Schule um 13 Uhr zu Hause, hatte Ruhe. Heute haben Kinder Ganztagsschule, drei Hobbys, digitale Medien, Reizüberflutung. Das bringt neurodivergente Menschen viel schneller an Grenzen“, erklärt Katrin.

    Familienleben mit Autismus: Eine autistische Mama liest ihrem neurodivergenten Kind etwas vor, sie kuscheln dabei auf dem Sofa. Im Hintergrund ist ein gemütliches Kinderzimmer mit Bücherregal und kindgerechten Gardinen zu sehen.

    Masking, Imitation, Burn-Out

    Viele autistische Frauen lernen früh, ihre Besonderheiten zu verstecken. Sie imitieren andere, passen sich wie ein Chamäleon an, bis zur völligen Erschöpfung. So auch Karin: „Ich habe als Jugendliche Freundinnen komplett kopiert – Kleidung, Mimik, Verhalten. Das war meine Strategie, soziale Situationen zu meistern“, erinnert sie sich. Dieses sogenannte „Masking“ schützt im Alltag, weil Autist*innen so meist gut im Alltag bestehen können, führt aber langfristig zu Überforderung.

    Autismus im Familienalltag

    Es ist hilfreich, zu akzeptieren, dass jedes Kind individuell ist, und es nicht ständig zu Aufforderungen zu sozialen Aktivitäten zu drängen. Manche Kinder ziehen sich zu Hause zurück, andere gehen in Vereine. „Mein kleiner Sohn geht zum Fußball, während mein großer Sohn selbst entscheidet, wann und wie lange er in die Schule geht. Er hat ein hervorragendes Zeugnis, auch wenn er häufig zu Hause bleibt, um Kraft zu sammeln“, erklärt Katrin.

    Es geht darum, den Kindern Verantwortung zu überlassen und sie als Expert*innen ihrer eigenen Bedürfnisse anzuerkennen. „Anfangs war es für mich schwer, Fehlzeiten in der Schule zu entschuldigen – mittlerweile ist es mir egal. Wichtig ist, dass die Kinder selbst entscheiden können, wann sie bereit sind, aktiv am Alltag teilzunehmen“, weiß sie.

    Rückzugsort für autistisches Kind zur Reizregulation im Familienalltag

    Stärken im Anderssein

    Trotz aller Hürden bringt Autismus auch besondere Stärken in die Elternschaft ein. Familien, die sich ihren eigenen Weg erlauben, entwickeln oft ein starkes Gefühl von Zusammenhalt und Selbstwirksamkeit. „Bei uns isst jeder auf seine Art – zu einer anderen Zeit, in einem anderen Raum, etwas anderes. Das passt nicht ins Bild einer ‚normalen Familie‘, aber für uns funktioniert es. Und das ist vollkommen in Ordnung“, weiß Katrin. Ihre Erkenntnis: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Wer sich von starren Normen löst, entdeckt Freiheit – und schafft Raum für das, was wirklich zählt – Nähe, Vertrauen und Liebe.

    Gesellschaftliche Hürden

    Schwierig bleibt der Blick von außen. Schulen, Ärzt*innen und Verwandte zweifeln oft die elterliche Kompetenz an. Eltern hören Sätze wie: „Bei uns zeigt Ihr Kind kein autistisches Verhalten, das liegt an Ihrer Erziehung.“ Doch Eltern sind die Expert*innen für ihr Kind. Ihre Beobachtungen und Erfahrungen müssen ernst genommen werden. Nur dann können Kinder die Unterstützung erhalten, die sie wirklich brauchen.

    Diagnosen sind wichtig, um Hilfe, Anerkennung und Unterstützung zu bekommen. Aber darüber hinaus ist es entscheidend, gesellschaftlich zurückzutreten und eine inklusive Haltung zu fördern, die Anderssein respektiert. Dies ist ein Schritt in Richtung einer inklusiven Gesellschaft, in der Eltern und Kinder gleichermaßen ernst genommen werden und Unterstützung erhalten, statt nur beurteilt zu werden.

    Botschaft an Eltern – und an sich selbst

    Was Katrin ihrem jüngeren Ich sagen würde? „Egal, wie du bist, es ist nicht schlechter oder besser. Erkenne deine Besonderheiten, akzeptiere sie und lebe danach.“

    Diese Botschaft richtet sich nicht nur an autistische Mütter, sondern an alle Eltern. Denn letztlich geht es nicht darum, eine perfekte Familie zu sein. Es geht darum, gemeinsam einen Weg zu finden, der für alle funktioniert.

    Ein Portrait von Karin Hansch

    Katrin Hansch ist Gründerin von Different Planet, einer Plattform für neurodivergente Themen, autistische Mutter zweier autistischer Kinder und Beraterin für Familien, in denen Autismus, PDA und/oder ADHS vorkommt. In ihrem aktuellen Buch Wenn wir alle zusammen lachenMutmacher für Familien im Autismus-Spektrum (Carl-Auer-Verlag, 2024), erzählt sie einfühlsam von den Höhen und Tiefen des Familienlebens mit Autismus – und von der Kraft, die darin liegt, wenn wir lernen, uns selbst und andere so anzunehmen, wie wir sind.